Naidoo und der ESC

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Selten hat mich ein Thema dermaßen umgetrieben und ist mir gleichzeitig so sehr auf die Nerven gegangen:
Xavier Naidoo und der ESC.

Ja, ich war schockiert zu hören, dass Herr Naidoo Deutschland beim ESC vertreten soll. Ja, ich war erleichtert, dass diese Nominierung zurück gezogen wurde.

Kurz aufregen, argumentieren, dann die Erleichterung – mehr gibt es zu dieser Sache gar nicht zu sagen, sie ist es nicht wert, länger diskutiert zu werden – vor allem in Zeiten, wo es Tag täglich Wichtigeres gibt. Dies dachte ich zumindest.

Stattdessen meldet sich jeden Tag ein neuer Sangeskollege Naidoos zu Wort, nur um die immer gleichen Thesen Gebetsmühlen artig zu wiederholen.

Hier ein paar Beispiele:

„Ich habe ihn schon ein paar mal live erlebt – jetzt freu ich mich, dass Xavier Naidoo beim Eurovision für uns ins Rennen geht. Als Künstler hat er Beeindruckendes geleistet und viele Menschen mit seiner einzigartigen Stimme berührt …“ – Tom Beck

„Zum Thema ESC wollen wir auch noch ein paar Worte
loswerden. 🙂 Xavier Naidoo ist ein sensationell guter Musiker und Freund. Er ist einer der besten Sänger und Songwriter den es in Deutschland gibt – ein großartiger Künstler. Wir freuen uns sehr, dass er beim ESC antritt. Die negative Stimmen zu diesem Thema haben wir mit Unverständnis aufgenommen und können diese nicht teilen. Wir haben Xavier als toleranten, respektvollen und von christlichen Werten geprägten Menschen erlebt, der sich kümmert, neugierig und weltoffen ist …“ – PUR

„Der NDR konnte sich glücklich schätzen, so ein Kaliber wie Xavier für seine Eurovision gewonnen und überredet zu haben. Was jetzt auf seinem Rücken für ein absurdes Theater abgefertigt wird, ist unverständlich. Xavier ist einer der besten und etabliertesten Musiker und Sänger bei uns, weder homophob, noch rechts und reichsbürgerlich, sondern neugierig, christlicher Freigeist und zum Glück umtriebig und leidenschaftlich. Wir brauchen keine Gesinnungspolizei oder Meinungsüberwachung, sondern hoffentlich 80 Millionen verschiedene Köpfe und Wahrheiten. Solange niemand davon verhetzt, verunglimpft, verletzt oder ausgegrenzt wird, ist das Kultur.“ – Herbert Grönemeyer

Was auffällig ist, dass nicht ein einziges Statement auch nur ansatzweise auf die Kritik gegen Xavier Naidoo eingeht. Sie wird mit Unverständnis aufgenommen, als absurdes Theater bezeichnet.
Stattdessen wird Herr Naidoo in den höchsten Tönen gelobt, ein großartiger von christlichen Werten geprägter Freigeist, umtriebig, leidenschaftlich, tolerant und weltoffen.

So jemand darf dann auch mal die unbequemen Wahrheiten aussprechen. Z.B., dass der Schrecken des Kapitalismus einen Namen hat:

„Wie die Jungs von der Keinherzbank, die mit unserer Kohle zocken. Ihr wart sehr, sehr böse, steht bepisst in euren Socken. Baron Totschild gibt den Ton an, und er scheißt auf euch Gockel. Der Schmock ist’n Fuchs und ihr seid nur Trottel“

Tief in unserem Inneren wussten wir es ja schon immer: der Kapitalismus bzw. die zionistische Weltverschwörung ist schuld an unserem Leid, an der permanenten Ausbeutung der Schwächeren zu Gunsten reicher Juden.

Aber damit nicht genug, deckt Xavier Naidoo auch gleich eine weitere Geisel der Menschheit auf, pädophile Schwuchtel, die er auch gleich so richtig rannehmen will:

„Ich schneid euch jetzt mal die Arme und die Beine ab und dann ficke ich euch in den Arsch, so wie ihr es mit den Kleinen macht. Ich bin nur traurig und nicht wütend. Trotzdem würde ich euch töten. Ihr tötet Kinder und Föten und ich zerquetsch euch die Klöten. Ihr habt einfach keine Größe und eure kleinen Schwänze nicht im Griff. Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist? Wo sind unsere Helfer, unsere starken Männer, wo sind unsere Führer, wo sind sie jetzt?“

Und er hat damit ja völlig Recht, früher hätte es das beim Führer nicht gegeben.

OK, genug Sarkasmus, es sollte klar sein, worauf ich hinaus will. Das sind für mich die zwei Hauptpunkte, die gegen Herrn Naidoo sprechen. Auf die ganze Reichsbürger- und Weltverschwörungsthematik rund um den 11. September und die ganzen anderen Geschichten will ich mal gar nicht eingehen.

Mir geht es auch nicht in erster Linie um Naidoo, sondern um den ganzen Umgang mit der Sache. Die völlige Ignoranz der Befürworter, denen es völlig egal zu sein scheint, welche Hetze Naidoo verbreitet.
Den Umgang mit den Kritikern, denen Unsachlichkeit, Hass und Feigheit vorgeworfen wird, wie genau in diesem Moment, in dem ich dies schreibe bei Markus Lanz im Gespräch mit Andreas Bourani.
Dieser Shitstorm sei wie der Pranger im Mittelalter an einem Marktplatz, einen wütenden Mob mit Mistgabeln, wie eine Steinigung nur dass die Leute damals noch den Arsch in der Hose hatten, persönlich in Erscheinung zu treten und sich nicht in der Anonymität des Internets zu verstecken!

Jochen_Schaudig(Haugrund)_wütender_Mob(c) Haugrund – mit freundlicher Genehmigung von
Jochen Schaudig (Haugrund)

Sehen so die Kritiker Xaver Naidoos aus?

Schon starker Tobak, Naidoo-Kritiker mit Steinigern und einem wütendem Mob zu vergleichen und diese sogar noch schlimmer zu finden.
Davon abgesehen sind die Vorwürfe an die Kritiker nichts anderes als gelogen. Die Leute sind zu einem Großteil mit ihrem privaten Facebook-Profil aufgetreten, viele mit ihrem echten Namen so wie ich.
Die Argumente gegen Naidoo waren in der Regel nicht aus der Luft gegriffen, sie beruhen auf realen, unveränderten Texten von Naidoo selbst, auf Videos und Interviews mit Naidoo. Nichts wurde hinzugedichtet, nichts böswillig unterstellt.

Von den Befürwortern kam indes nichts außer Lobhudelei für und Verunglimpfung für die Gegner.

Aber genau das passt so gut zu Xavier Naidoo und in unsere heutige Zeit: Fakten werden verdreht, Gegner diskreditiert und niemand scheint mehr zuzuhören. Dieses Phänomen erleben wir leider momentan bei fast jedem Thema.

Und das ist auch wahrscheinlich der Grund, warum mich die ganze Sache mehr beschäftigt, als sie eigentlich sollte.

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3 Gedanken zu “Naidoo und der ESC

  1. Jochen Schaudig

    Nun überschlagen sich die Freunde des Schmuseschmalzsängers. Sie verdrängen mit aller Macht, was Naidoo tut, was er singt, was er öffentlich vertritt.
    Ich persönlich finde es bezeichnend, dass kein schwuler Promi unter diesen Freunden ist.
    Und wo waren diese Stimmen, als sich die Popakademie von Naidoo distanziert hat?
    Wir wissen nun, dass es letztendlich nicht die Massenbewegung im Internet war, die den Auslöser für die Rücknahme der Nominierung gab, sondern der Protest der Kulturredaktion des NDR.
    Aber so oder so: wer Meinunsfreiheit predigt, muss damit leben, dass diese auch für jene gilt, die gegen solche Querfrontler und Quartalsirren protestieren.

    • Ja, da hat uns Herr Schreiber vom NDR schön zum Narren gehalten!
      Eigentlich ein sehr schäbiges Verhalten, so mit Kritik der eigenen Zuschauer und ESC-Fans umzugehen!
      Ich bin auch noch gespannt, wer sich noch zu Wort meldet. Ein schwuler Jude wäre ja geradezu ideal für Naidoo und würde natürlich alle Kritiker Lügen strafen! 😉

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